Vom Nerd zum Zombie

Immer mehr Hinweise deuten auf eine anstehende Revolution hin, wonach das digitale Ich sich der Menschheit einverleibt und eine ganze Generation aufhört zu existieren. Ein nun geleaktes Dokument aus dem Jahr 2046 untermauert diese Theorie.

Am Anfang der Fortschritt, eine Schlange und 160 Zeichen. Kurznachrichten auf monochromen Displays für horrende Gebühren hin und her schicken ist der letzte Schrei und zum Zeitvertreib navigiert man eine immer länger werdende Schlange über das grobpixelige Display. Computer drangsalieren ihre Anwender und erliegen zuhauf dem Bluescreen Of Death. Im Fernsehen läuft wieder Columbo, Nackte kennt man aus der Bravo und im Radio fragen vier Brünette, was gerade los ist. Jugendliche spielen im Grenzbereich und verstecken ihre heißen Scheiben – ob Lula, Doom oder Quake – in gut verschlossenen Schubladen und Commander Keen stirbt den Floppy-Tod. Ebay kauft Alando und man träumt von Standleitungen und Lara Croft.

In den Nuller-Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird schließlich das digitale Ich geboren. Facebook kann sich gegenüber StudiVZ und SchülerVZ durchsetzen, wird zum Trend wie auch Twitter oder persönliche Blogs. Touch-Screens ersetzen die Handytastatur und das Smartphone samt Apps ist erschaffen. Webvideos gehen plötzlich viral und etablierte Medien sinnieren über Konkurrenz und Koexistenz sozialer Medien, experimentieren – kritisieren und kollaborieren zugleich.

In den darauffolgenden 10er-Jahren manifestiert sich das digitale Ich in den Köpfen unzähliger Menschen und wird so zum festen Bestandteil ihres Alltags. Selbst die in den 00er-Jahren noch so erfolgreich durch das TV-Programm einiger Privatsender akquirierte und kaltgestellte Masse Scheintoter erwacht zum Leben und teilt sich mit. Shitstorm und Cybermobbing bedrohen nicht nur das digitale Ich und manchen Menschen wird der virtuelle Mob gar zum Verhängnis, die breite Masse hingegen übt sich friedlich in der Politur ihrer virtuellen Identitäten. YouTuber werden zu Superstars und mitunter millionenschwer. Sie kreieren neue Formate, teils intelligent, teils längst gekauft und nur noch als Prostituierte einer perfiden Werbeindustrie dem schlimmsten Shoppingsender in nichts nachstehend. Bereits den Jüngsten werden leistungsstarke Mini-Computer in Form von Tablets oder Smartphones unter den Weihnachtsbaum gelegt samt unkontrolliertem Zugang zu all dem Schund, das ihnen die Erwachsenenwelt in Subkosmen grenzenloser Vernetzung als gewöhnlich erscheinen lässt und den Charakter einer ganzen Generation formt. Einige von ihnen sind längst selbst Darsteller in einer düsteren Welt oder ungefragt zu Empfängern geworden. Wohl dem, der sich wieder zu den Scheintoten zählen darf, wohl dem, der bereits ein Zombie ist.

Die 20er-Jahre des 21. Jahrhunderts münden schließlich in einem erbitterten Kampf zwischen analoger und digitaler Welt. Menschen sind zur Ich-Marke geworden und immer mehr verlieren sich in ihrer virtuellen Identität. Das Profil in seiner Funktion als Abbild irdischen Seins gewichen irdischen Seins in Funktion eines immer stärker werdenden digitalen Ichs. Den unschätzbaren Wert eines sich anbahnenden hierarchisch-gesellschaftlichen Faktors von der Industrie schnell erkannt – und forciert -, führen mehrere Errungenschaften schließlich zum offenen Konflikt. Dies belegt nun eine E-Mail aus dem Jahr 2046, die aufgrund eines Systemfehlers und mangelnder Absicherung des Machbaren jener Zeit 30 Jahre zu früh zugestellt wurde. Es kann jedoch nur ein kleiner Abriss geschildert werden.

Erste Warnzeichen waren bereits im 10er-Jahrzehnt zu beobachten, als immer mehr Menschen nur noch App-gesteuerte Kontakte pflegten. Das digitale Ich entschied, mit wem man sich am besten traf und wer gerade angesagt war. Man wollte nicht mehr einen Kaffee mit Person X trinken, man wollte einen Kaffee trinken mit der Person, die laut Algorithmen am besten zu einem passte. Dabei kann Kaffee für vieles stehen und gewiss ist unter „passt“ nichts weiter als eine Klassifizierung und immer auch Reduzierung des Menschen zu verstehen.

Als weiteres Warnzeichen und Überwindung einer wichtigen Hemmschwelle – so haben es Studien ergeben –, werden sogenannte Selfie-Sticks genannt und die Neigung, wirklich alles, wirklich überall zu filmen oder zu fotografieren. So verloren beispielsweise Hunde ihre Funktion als sozialer Charakter in einer ohnehin für viele Menschen einsamen Gesellschaft. Das gleichzeitige Hantieren mit Selfie-Stick und Hundeleine erwies sich den Hundebesitzern schlicht als unpraktisch, wollte man doch auch jeden Spaziergang treu ergeben seinem virtuellen Ich dokumentiert wissen.

Wie jeher registrierten die Menschen ihr Erlebtes als gewöhnlich und ungewöhnlich mit dem Unterschied, dass fortan ein Zwang mit einherging und alles Ungewöhnliche sofort für ihr digitales Ich dokumentiert wurde. Diese massenhaft auftretente Zwangsstörung – heute spricht man von Zwangssteuerung – hatte zur Folge, dass ein weiterer Denkprozess ausblieb. Begünstigt durch den frühen Konsum menschenfeindlicher Inhalte kam es so immer wieder zu tragischen Zwischenfällen.

In seiner bizarrsten Form sei hier das von den Boulevard-Apps sogenannte Tomatensaft-Massaker als Beispiel genannt:

Ob seiner rot eingefärbten Kleidung hatte es den Anschein, als läge ein Mensch in höchster Not im Straßengraben. Rasch versammelten sich Menschentrauben, wie man es kaum beschreiben kann. Jeder wollte seine persönliche Momentaufnahme, nur um im Schutze der Menschenmasse unerkannt von dannen zu ziehen und sein virtuelles Ich um das gerade Erlebte zu bereichern. Besonders pfiffige Gesellen verkauften ihre Fotos direkt vor Ort noch per App an große Medienhäuser. Man ahnt es – niemand half. Laut Berichten Überlebender ging dem Geschehen eine geisterhafte Ruhe voraus; wie Insekten, die ihre Fühler ausstreckten, hoben die Menschen ihre Smartphones empor und es wurde von einem kaum merkbaren, aber doch allgegenwärtigen Zustand der Zufriedenheit derer berichtet, die sich dank Selfie-Stick den bestmöglichen Aufnahmen sicher sein konnten. Im Geiste längst dem digitalen Ich erlegen, nahm das Übel so seinen Lauf. Auf anfängliches Gerangel folgte schließlich die Eskalation.

Im Eifer des Gefechts prallten Selfie-Sticks gegen Köpfe, die Stimmung zunehmend aggressiver und Panik bahnte sich als Ur-Instinkt noch seinen Weg durch die Synapsen des nunmehr völlig entrüsteten Mobs. Es war ein ungleicher Kampf, in dem sich wie von Geisterhand zwei Gruppen formierten. Jene mit Selfie-Stick gegen jene, die sich nur mit blankem Smartphone zu verteidigen versuchten. Als letztes Aufgebot versuchten die Unterlegenen noch mit einer Blitzlicht-Salve die Überhand zu gewinnen – doch es war hoffnungslos.

Einige der Gefallenen konnten nur noch dank ihrer virtuellen Profile identifiziert werden, wie es später in Medien einhellig berichtet wurde. Der rot eingefärbte Mann im Straßengraben bekam von all dem nichts mit. Nach einer durchzechten Nacht wollte der mit einem Schluck Tomatensaft seinen Rausch mildern, fiel dabei vom Rad, die Saftflasche in Scherben schlief er an Ort und Stelle ein. Er wurde später überraschend zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Staatsführung versicherte aber, dass dies nicht auf Druck einer vor allem von den sozialen Medien forcierten Kampagne so entschieden wurde. Man stehe in keinem Interessenkonflikt, war dem Regierungsprofil noch am Tage des Geschehens zu entnehmen.

Nach diesen Vorfällen fand eine lange mediale Debatte über diese sich häufenden Vorfälle statt. Das Infragestellen der Sinnhaftigkeit des Selfie-Sticks, und ob dieser nun als Waffe zu bewerten sei, wirkte wie ein Katalysator auf die weitere Ent-wicklung des modernen Menschen und die Industrie zelebrierte ihren Triumph durch immer intelligentere Produkte. In den sozialen Medien brodelte es und der Mob tobte. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss, der vor allem von der digitalkritischen Opposition scharf als Kuhhandel kritisiert wurde. Fortan sollten Menschen, deren Profile mehr als zweihundertfünfzigtausend Anhänger aufwiesen, eine Vorbildfunktion einnehmen und sich freiwillig zu diversen, häufig schwammig formulierten Verhaltensweisen verpflichten. So galt es zum Schutze des Intellekts als kontraproduktiv, wenn sich beispielsweise Berühmtheiten während einer TV-Sendung selbst mit ihren Smartphones filmten, nur um ihrem digitalen Ich ihre Hörigkeit öffentlich unter Beweis zu stellen. Ein dreißigköpfiges Gremium der klügsten Denker kam mit knapper Mehrheit zu dem Schluss, dass das Sich-Selbst-Filmen-Vor-Laufender-Kamera keinen Sinn darstelle und daher zu unterlassen sei. Viele sahen darin einen Affront gegen die digitale Freiheit, Berühmtheiten gingen folglich und ganz im Sinne ihrer Anhänger auf die Barrikaden. Schließlich hielt die Kraken-Kamera samt App Einzug in die Fernsehstudios jener Zeit. An ihr konnten die Wichtigen ihre Smartphones im Dutzend anbringen und sich somit ihrem digitalen Ich ablichten, ohne dass es der zu schützende TV-Zuschauer bemerkte. Der Frieden währte nur kurz und schon bald kam es zu tumultartigen Szenen, da man auch als Besucher eines TV-Studios auf Zuschauerseite die Geschehnisse selbst filmen wollte, schließlich habe man auch Anhänger und das eigene Profil sei genauso wichtig wie das der anderen, so eine häufige Argumentation. Überdies habe man schließlich Eintritt bezahlt.

Diese Geschehnisse dienten nur als eines von unzähligen Beispielen, wie das digitale Ich immer mehr an Bedeutung gewann.

Das eigene Profil wurde gehegt und gepflegt und wehe dem, der es vernachlässigte und sich nicht unterwarf. Eine ganze Industrie entstand, von der Software, die durch gewaltige ihr zugrunde liegenden Daten erstaunlich zuverlässig vor einem Shitstorm warnte oder bewusst eine medienwirksame Provokation ermöglichte, bis hin zur Werbeagentur für den kleinen Bürger, der sich gerne in einem besseren Lichte dargestellt sehen wollte. Die Angst ging um und immer mehr fühlten sich ihrem digitalen Abbild unterlegen – so war es auch die Zeit der Pharmazie und Psychologie und schon bald sprach man von digitalen Instinkten, ließen sich Verhaltensweisen nicht mehr rational erklären.

Als sich explosionsartig Menschen Silizium-Chips implantierten und die Industrie durch ein Cross-Border-Upgrade von nun an die ultimative Tuchfühlung des bis dato Unnahbaren versprach, kam es schließlich zum Kollaps einer ganzen Generation. Die genauen Umstände sind noch nicht geklärt. Der Menschheit ihrer Seele entrissen ward eine Gesellschaft homogener Strebsamkeit geschaffen, der alles fremd und unterlegen erschien, das ihnen Muster nicht erklären konnten. Die Evolution schien ihr Opfer gefunden zu haben, Verweigerer nur noch Überbleibsel einer von Vergänglichkeit geprägten Epoche.

Der Kollaps kam unerwartet und praktisch über Nacht. Ohne Aufwiedersehen zu sagen fielen die modernen Menschen um wie Fliegen. Und schnell war klar, das Gehirn seiner wichtigsten Funktion beraubt, quittiert es von ganz alleine seinen Dienst. Die sich nun dem Kollektiv stellenden Fragen nach dem Warum, dem Sinn eigenen Tuns und das Bewusstwerden persönlicher Verantwortung in einer nur für wenige lebenswerten Welt ging wie ein Beben um den Globus und hatte die größten Reformen des 21. Jahrhunderts zur Folge. Doch die Gruppe derer, die in der Katastrophe schlicht einen Softwarefehler vermuten, findet wieder vermehrt Zuspruch und Fragen nach Schuld gepaart mit dem Drang sich komplexer Fragen durch Unterwerfung zu entziehen wächst aufs Neue. So ist das Morgen von heute vielleicht das Gestern von damals.

17.04.2046

  • Beitrag geschrieben von .
  • Veröffentlicht am: .
  • Letzte Aktualisierung: .

Einen Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Avatar wählen